„La gendarmerie vous cherche.“

Einigermaßen erholt wachte ich am Morgen auf, doch der kleine Linsensalat vom Vortag hatte meinen Hunger kaum gestillt. Also holte ich meine wenigen Akku-Prozente hervor und entdeckte tatsächlich ein Restaurant auf der Route. Ein paar Stunden später kehrte ich au Chalet du Berger ein und aß – zum großen Erstaunen des Kellners – Vorspeise (samt Brotbeilage), Hauptspeise und Nachspeise. Nebenbei konnte ich auch meine Endgeräte ein wenig laden und setzte meine Etappe mit rundum frischer Energie fort.

I woke up in the morning feeling reasonably refreshed, but the small lentil salad from the previous day had barely satisfied my hunger. So I fetched my half-charged phone and actually found a restaurant along the route. A few hours later, I stopped au Chalet du Berger and, to the waiter’s great astonishment, ate a starter (with bread), a main course and a dessert. In the mean time they let me charge my devices and I continued my journey with renewed energy.

Als ich am späten Nachmittag vom Col Bresson meinen Blick über die vor mir liegende Hochebene streifen ließ, entdeckte ich in einiger Entfernung ein Zelt – gute Idee, dachte ich. Zur nächsten Hütte wären es nur vier Kilometer, doch ich hatte schlichtweg keine Lust weiterzugehen und das Wetter war perfekt für eine Nacht im Freien.
Ein Fluss schlängelte sich durch das Kar und ich folgte ihm bis ich ein Stück weiter oberhalb einen breiten Felsen fand – perfekter Windschutz! Also schlug ich mein Lager dort auf und schlief nach einem wunderschönen Sonnenuntergang zufrieden ein.

Am nächsten Morgen dämmerte es mir jedoch: Ich musste nicht nur die aktuellen 34 Kilometer, sondern auch noch die vier vom Vortag bewältigen.

As I glanced across the plateau below me from Col Bresson in the late afternoon, I spotted a tent in the distance – good idea, I thought. The next refuge was only four kilometres away, but I simply didn’t feel like walking any further and the weather was perfect for camping.
A river wound its way through the valley, and I followed it until I found a wide rock a little further up – perfect wind protection! So I set up camp there and fell asleep contentedly after a beautiful sunset.

The next morning, however, it dawned on me: I not only had to walk this day’s 34 kilometres, but also the four from the day before.

Es war ein langer Tag, doch am frühen Nachmittag stand ich schließlich vor meinem letzten Anstieg zum Refuge du Col du Palet. Die Zeit drängte, Wolken zogen auf, und als mir ein freundlicher Herr mit einem mitfühlenden „Bonne chance!“ begegnete, wurde ich langsam nervös. Bald begann es zu tröpfeln. Eine Weile weigerte ich mich noch stur, meine Regenjacke auszupacken, als könnte ich das Wetter mit reiner Willenskraft beeinflussen.
Doch mein Missmut verflog, als die ersten Murmeltiere zu pfeifen begannen, sich über die Wiesen tummelten und an bunten Blumen knabberten. Mit Mühe widerstand ich der Versuchung, meinen gesamten Akku für Fotos dieser herzzerreißend-süßen Nagetiere zu opfern, und konzentrierte mich stattdessen aufs Vorankommen – denn langsam wurde es spät.
Als mein Akku unter 15 % sank, schaltete ich das Handy aus. Sollte ich es auf der Hütte nicht aufladen können, hätte ich am folgenden Tag ein Problem.

It had been a long day, but in the early afternoon I finally stood before my last climb to the Refuge du Col du Palet. Time was pressing, clouds were gathering, and when a friendly gentleman greeted me with a sympathetic „Bonne chance!“, I slowly started to get nervous. Soon it began to drizzle. For a while, I stubbornly refused to unpack my rain jacket, as if I could control the weather with sheer willpower.
But my discontent evaporated when the first marmots began to whistle, tumbling across the meadows and nibbling on colourful flowers. I resisted the temptation to use up all my battery to take photos of these heart-meltingly cute rodents and concentrated instead on making progress – it was slowly getting late.
When my battery dropped below 15%, I switched off my mobile phone. If I couldn’t charge it at the hut, I’d have a problem the following day.

Um kurz vor sechs kam ich nach fast zwölf Stunden und 38 Kilometern beim Refuge du Col du Palet an. Andere, die ebenfalls im Zelt schliefen, waren schon dabei, das Terrain zu prüfen. Zur Anmeldung ging ich in die Hütte, doch an der Rezeption war niemand zu sehen. Ich wartete einige Minuten, blickte auf die Uhr und beschloss, auch für mein Zelt ein Plätzchen zu suchen. Danach ging ich zurück zur Rezeption.
Die Kaminwärme machte mich schläfrig – ich hätte auf der Stelle einschlafen können –, als ein junger Mann auf mich zukam: In der Nacht sollte es regnen und an der Stelle, an der ich mein Zelt platziert hatte, würde bei viel Regen garantiert Wasser fließen. Ich bedankte mich für den Hinweis, ging zurück zu meinem Zelt, stellte es um und bereitete alles so vor, dass ich mich nach dem Abendessen direkt in meinen Schlafsack kuscheln konnte.

Just before six, after almost twelve hours and 38 kilometres of hiking, I arrived at the Refuge du Col du Palet. Others who also slept in tents were already checking out the terrain. I went into the hut to register, but there was no one at reception. I waited a few minutes, looked at my watch and decided to go find a spot for my tent. Then I went back inside.
The warmth of the fireplace made me sleepy – I could have fallen asleep on the spot – when a young man approached me: it was going to rain during the night and the spot where I had pitched my tent was guaranteed to collect water if it rained heavily. I thanked him for the tip, went back to my tent, moved it and got everything ready so that I could snuggle into my sleeping bag straight after dinner.

Als ich zurück in die Hütte kam, war bereits für das Abendessen gedeckt. Auf den Tischen standen Täfelchen mit Namen, darunter fand ich direkt am ersten Tisch meinen eigenen und setzte mich. Bald wurde die Suppe serviert und ich kam mit zwei netten jungen Franzosen ins Gespräch. Nach dem Abendessen war Zeit zu bezahlen und es bildete sich eine Schlange an der Rezeption. Müde wie ich war, ließ ich die anderen vor.
Als ich schließlich meinen Namen nannte, sah mich die junge Dame überrascht an: „Vous êtes Johanna? Mais vous êtes là? La Gendarmerie vous cherche.“
Ich war plötzlich hellwach und dachte kurz, ich hätte mich verhört. Doch in dem Moment war ausnahmsweise nicht die Sprachbarriere das Problem.
Sekunden später kam eine streng aussehende Dame mit Schürze und einem Telefon in der Hand – am anderen Ende die französische Bergrettung – aus der Küche: Weil ich mich vor dem Abendessen nicht angemeldet hatte, ging man davon aus, dass ich nie angekommen war. Polizei und Bergrettung hatten in den letzten zwei Stunden meinen Standort getrackt, während ich seelenruhig Suppe gelöffelt und Schokokuchen gegessen hatte. Ich hätte vor Scham in den Boden sinken können.

When I returned, dinner was already set. There were name cards on the tables, and I found mine right at the first one and sat down. Soon the soup was served, and I started chatting with two nice French guys. After dinner, it was time to pay, and a queue formed at reception. Tired as I was, I let the others go ahead.
When I finally came to the front, the young lady looked at me in surprise: „Vous êtes Johanna? Mais vous êtes là? La Gendarmerie vous cherche.”
I was immediately wide awake and thought for a moment that I had misheard her. But for once, the language barrier was not the problem.
Seconds later, a stern-looking lady with an apron and a telephone in her hand – on the other end was the French mountain rescue service – came out of the kitchen: because I hadn’t signed in before dinner, they assumed I had never arrived. The police and mountain rescue service had been tracking my location for the past two hours while I was calmly spooning soup and eating chocolate cake. 
I could have sunk into the ground from embarassment.

Mit Nachdruck wiesen sie mich darauf hin, dass ich sehr lange Etappen zurückgelegt hatte – meine Füße bejahten stumm. Außerdem hatte ich in meiner Anmeldung angegeben – mea culpa –, dass ich vom Refuge de la Balme starten würde, das ich ja spontan beschlossen hatte auszulassen und mich somit nie zu Gesicht bekommen hatte. Die Sorge war groß, vor allem, da es seit ein paar Stunden kein GPS-Signal mehr von meinem Handy gegeben hatte – klar, ich hatte es aus Akku-Gründen ausgeschaltet.
Ich erklärte die Situation, entschuldigte mich etwa eine Million Mal und versprach hoch und heilig, mich künftig immer sofort anzumelden. Schließlich wurde gnädig entlassen und kroch leise in meinen Schlafsack.
Doch plötzlich kam ein neuer Gedanke auf, der nun mit mir im Zelt lag: Was, wenn tatsächlich etwas passiert?
Ich war bisher zu beschäftigt gewesen, mir über diese Option Gedanken zu machen, doch nun waren sie da – und bescherten mir Schlaflosigkeit.

They firmly pointed out that I had covered very long stages – my feet silently agreed. In addition, I had stated in my registration – mea culpa – that I would be starting from the Refuge de la Balme, which I had decided to skip and therefore never got to see my face. There was great concern, especially since there had been no GPS signal from my mobile phone for a few hours – of course, I had turned it off to save battery.
I explained the situation, apologised about a million times and solemnly promised to always register immediately in future. Eventually
 was graciously dismissed and crawled quietly into my sleeping bag.

But suddenly a new thought occurred to me, now lingering in the tent beside me: What if something did happen?
I had been too busy to think about this possibility, but now there it was – giving me insomnia.

Als ich am nächsten Tag mein Handy (das ich auf der Hütte tatsächlich nicht laden konnte) wieder einschaltete, erreichte mich mit Verspätung eine Nachricht der Bergrettung … Und das war letztendlich auch mein größter Trost: Die französische Bergrettung ist hartnäckig.

When I turned my phone (that as a matter of fact I wasn’t able to charge at the hut) back on the next day, I received a delayed message from the mountain rescue service… And that was ultimately my greatest consolation: the French mountain rescue service is persistent.

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